Tryamour und Launfal

 

An einem Mittsommertag ritt Launfal, ein junger Ritter aus dem Tross König Artus', voll trübsinniger Gedanken durch den Wald von Caerleon. Irgendwann stieg er vom Pferd, legte sich ins Gras und schloss die Augen. Einige Zeit später wurde er von dem süßen Klang wispernder Stimmen aus seinen Gedanken gerissen. Er öffnete die Augen und erblickte zwei Jungfrauen mit goldenem Haar, die ihn zu sich heranwinkten. Er folgte ihnen sogleich und so gelangten sie zu einer Lichtung, auf der wilde Blumen blühten und einen wunderbaren Geruch verströmten. Er sah ein Zelt aus bestickter Seide, mit goldenen Rosen verziert, auf dessen Spitze ein goldener Adler glänzte. In dem Zelt saß eine Jungfrau von solch unvergleichlicher Schönheit, dass es Launfal beinahe weh tat sie anzusehen.

Sie reichte ihm aber die Hand und hieß ihn herzlich willkommen, und mit dieser Berührung wurde in ihnen Liebe erweckt. Launfal bat sie, für immer bei ihm zu bleiben; doch sie sagte dass dies nicht möglich sei, denn er sei ein Sterblicher und sie eine Fee. Sie versprach aber zu ihm zu kommen wann immer er es wünschte unter der Bedingung, dass er sie mit keinem Wort erwähne und niemals nach ihr riefe, wenn andere Menschen dabei wären. Ihr Name war "Tryamour", und das bedeutete "Liebesprobe".

Launfal war überglücklich und erklärte sich mit den Bedingungen einverstanden. So verbrachten sie den Nachmittag gemeinsam auf der Lichtung, und als Launfal nach Caerleon zurückkehrte, schien er nicht mehr derselbe zu sein. Er war reich gekleidet und gerüstet und ritt auf einem herrlichen Schlachtross. Nachts blieb er den Belustigungen der Ritter fern, denn Tryamour kam zu ihm in sein Gemach, und tagsüber strahlte er vor Glück.

Das blieb Guinevere, der unzufriedenen Gattin König Artus', nicht verborgen, denn sie hatte ein Auge auf ihn geworfen. Nach einiger Zeit rief sie Launfal zu sich in den von Mauern umgebenen Palastgarten. Sie kam rasch zur Sache, sagte ihm dass er der Mann sei, den ihr Herz begehre und sie ihn zu ihrem Liebhaber machen wolle. Launfal wies dieses Angebot höflich, aber unbeeindruckt zurück. Da wurde die Königin zornig und rief: "Ihr seid nicht der Mann, der für die Liebe einer Frau geschaffen ist!" "Verehrte Königin", entgegnete Launfal, "ich werde von einer Dame geliebt, deren niedrigste Dienerin Eure Schönheit übertrifft!" Das war natürlich eine schlimme Beleidigung, aber es war auch Verrat: Launfal hatte das Geheimnis seiner Geliebten preisgegeben und damit das Tor zugeworfen, das sich zwischen der Welt der Menschen und dem Reich der Feen aufgetan hatte. Erhobenen Hauptes und voller Drohungen schritt Guinivere aus dem Garten. Launfal aber schloss sich in sein Gemach ein und gab sich seiner Trauer hin. Er rief nach Tryamour, aber sie antwortete nicht.

Kurz darauf trommelten Fäuste an seine Tür. Launfal wurde gefesselt und vor den König gebracht. Er wurde angeklagt, sich der Königin genähert zu haben in der Absicht, ihre Liebe zu erzwingen. Als ihm dies verweigert wurde, hätte er sie mit der Schönheit seiner Geliebten aufs schmählichste beleidigt. Auf einen solchen Verstoß stand die Todesstrafe. Die Ritter jedoch blieben skeptisch, sie schenkten der Königin keinen Glauben. Sie legten Fürsprache ein und am Ende wurde Launfal einzig dazu aufgefordert, innerhalb eines Jahres seine Geliebte vorzustellen, damit alle ihre Schönheit mit der der Königin vergleichen könnten. Sollte er dieser Aufforderung nicht nachkommen, so müsste er auf dem Scheiterhaufen sterben.

Ein Jahr lang suchte Launfal verzweifelt nach seiner geliebten Fee, doch er fand sie nirgends. So fand er sich nach Ablauf der Frist wieder bei Hofe ein, um sein Schicksal zu erleiden. Doch ehe das Reisig angezündet werden konnte, unterbrach eine kühle, nach wilden Blumen duftende Brise die angespannte Stille. Auf einem schneeweißen Zelter ritt Tryamour durch das Tor. Ihr langes goldenes Haar umwehte sie wie ein Heiligenschein, ihre Augen blitzen und ihre Wangen schimmerten rosig. Ihre ganze Gestalt war schimmernd und geschmeidig wie ein Sonnenstrahl. Sie schenkte Launfal ein süßes Lächeln und wandte sich dann König Artus und seinem Gefolge zu, ohne ein Wort zu sagen. Alle schwiegen wie gebannt, bis schließlich der König das Wort ergriff:" Herrin, wenn Ihr Launfals Geliebte seid, so gibt es niemanden, der ihn der Lüge bezichtigen könnte. Er soll frei sein!"

Launfal wurden die Fesseln abgenommen, und ohne sich noch einmal umzublicken schritt er über den Burghof zu Tryamour und stieg zu ihr auf das weiße Pferd. So verließen sie für immer Caerleon. Nur einmal jährlich an dem Tag, an dem er fortgegangen war, erschien Launfal als schemenhafte Gestalt im Zwielicht der Abenddämmerung, allein auf einem prächtigen Schlachtross. Auf seinem Gesicht lag der Anflug einer Sehnsucht nach der Welt der Sterblichen, die er für immer verlassen hatte.

Es wurde aber erzählt, dass er glücklich mit seiner Geliebten auf der Feeninsel Avalon lebte. Und wenn es nicht anders gekommen ist, so leben sie dort noch heute.

(Autor: Faye; Illustration von Kinuko Y. Craft)

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